Am gestrigen Sonntag ist die "HD+"-Plattform von SES Astra weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit RTL-HD und Vox-HD auf Sendung gegangen.

Pünktlich zum Start wurde auch die Web-Site des Anbieters überarbeitet, die nun in einer aktualisierten, schwarzen Optik um Kundschaft wirbt. Die Desinformation des Zuschauers ist indes geblieben: So suggeriert "HD+" noch immer, dass hochauflösendes Fernsehen ausschließlich über die neue Astra-Plattform möglich sei. Dem ist nicht so: Unter anderem die gebührenfinanzierten ARD, ZDF und Arte strahlen schon jetzt und auch in Zukunft ihre HD-Programme unverschlüsselt und ohne verbraucherfeindliche Einschränkunden aus. Das gilt auch für den Österreichischen Rundfunk (ORF), Servus-TV-HD und den deutschsprachigen Privatsender Anixe-HD. In Großbritannien werden zur Zeit ebenfalls HDTV-Kanäle über Astra uncodiert ausgestrahlt. Unklar ist allerdings, ob das so bleibt (SAT+KABEL berichtete). Zum Empfang von ITV-HD und BBC-HD in Deutschland ist ein relativ großer Spiegel erforderlich.

Mit "HD+" hält eine neue Common-Interface-Technik Einzug, die den Empfang der Sender massiv einschränkt: So können die Sender per "CI+" unter anderem die Aufzeichnung bestimmter Formate wie den am heutigen Sonntag bei RTL-HD laufenden Hollywood-Spielfilm "Stirb langsam 4.0" untersagen, auch Werbesprünge lassen sich verhindern, Aufzeichnungen nachträglich löschen oder bestimmte Archivierungsfristen definieren. Sogar eine externe Deaktivierung des eingesetzten Digital-Receivers bei einem "Verdacht auf Missbrauch" ist möglich. Die beteiligten Sender und SES Astra schweigen dieses Thema beharrlich tot, um potentielle Abonnenten nicht abzuschrecken.

In den "FAQ" ("Frequently Asked Questions") von "HD+" steht dazu nichts aussagekräftiges zu lesen, stattdessen: "CI Plus ist der Modulstandard der Zukunft", oder "Ein CI Plus Modul stellt den Sendern - im Gegensatz zu einem CI Modul - Mechanismen zur Verfügung, damit diese ihr Geschäftsmodell wirtschaftlich sinnvoll betreiben können. In Einzelfällen kann es deshalb wegen erhöhter Signalschutzanforderungen zu Nutzungseinschränkungen kommen. Ohne diese Funktionalitäten würde es in Deutschland kein HD Fernsehen der reichweitenstärksten Privatsender geben".

An anderer Stelle heißt es: "Digitale Angebote beruhen auf unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Bei der Vergabe von Rechtelizenzen gibt es gerade im Bereich des hochauflösendes Fernsehen strenge Vorgaben hinsichtlich Kopierschuz. Falls Sie also eine Sendung nicht aufnehmen können, dann unterliegt diese Sendung einem Kopierschutz. Genauere Infos erhalten Sie direkt beim Anbieter der jeweiligen Sendung."

Und: "Technisch kann die Nutzung von Wiedergabefunktionen und Time Shifting eingeschränkt werden. Wie dies die einzelnen Sender einsetzen, erfahren Sie direkt beim Anbieter der jeweiligen Sendung." Auf die Frage, ob Sender Aufnahmen löschen dürfen, laviert SES Astra: "Je nachdem, wie die Austrahlungsrechte erworben worden sind, kann es zu zeitlichen Begrenzungen bei der Speicherung von aufgezeichneten Sendungen kommen. Genauere Infos erhalten Sie direkt beim Anbieter der jeweiligen Sendung".

Der Bezug der Plattform verschlingt eine jährlich "Infrastrukturgebühr" in Höhe von 50 Euro, nur wenige digitale Settop-Boxen können das Programm überhaupt empfangen. Wie viele bereits verkauft wurden, ist offen. Insgesamt stehen in Deutschland nur 900.000 HD-Receiver in den Wohnzimmern - der überwiegende Anteil davon ist weder "HD+"- noch "CI+"-tauglich. Insgesamt sechs Modelle sind derzeit für den Empfang vorgesehen. Verbraucherschützer wettern seit Monaten gegen die Astra-Plattform, weil sie für den Zuschauer einen erheblichen Rückschritt des bislang gewohnten Fernsehkomforts bedeutet. "Stirb langsam" titelte auch die "Frankfurter Rundschau" zu den Zukunftsaussichten. Andere Blätter haben das explosive Potential dagegen noch nicht erkannt. Im Januar 2010 ziehen aller Voraussicht nach auch ProSieben-HD, Sat.1-HD und Kabel1-HD bei "HD+" nach. Eine Abschaltung der analogen Ausstrahlung der Programme ist noch nicht geplant.