In der ORF-Standortdebatte sind am Dienstagabend die Uhren wieder auf Null gestellt worden: Bei der Sitzung der Arbeitsgruppe des Stiftungsrates zu der Frage sind erneut alle drei Varianten aufs Tapet gekommen, womit auch wieder die von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz eigentlich bereits eingedampfte Mehrstandort-Option wieder möglich scheint. Der ORF-Chef soll nun für alle drei Möglichkeiten präzisere Berechnungen vorlegen und dies mit einer Vision für den künftigen ORF unterfüttern.

Wrabetz hatte der Arbeitsgruppe ursprünglich Berechnungen für zwei Varianten vorgelegt: Der Verbleib am Küniglberg mit Konzentration aller derzeitigen Häuser an dieser Stelle, sowie die Absiedelung nach St. Marx. Die Arbeitsgruppe plädierte am Mittwoch jedoch dafür, auch die von Wrabetz bereits ad acta gelegte Variante drei, nämlich den Erhalt aller bisherigen Standorte (samt Funkhaus und Ö3-Gebäude) durchzurechnen, wie Teilnehmer berichteten.

Darüber hinaus solle Wrabetz eine konkrete Vision für den künftigen ORF vorlegen, die ebenfalls in die Berechnungen einfließen soll. Darauf basierend müsse dann die günstigste Variante gewählt werden. Bis Ende Mai soll der ORF-Chef nun präzisere Berechnungen vorlegen und seine Präferenz präsentieren.

Im Juni wird die Standortgruppe noch einmal tagen und die Entscheidung für den Stiftungsrat aufbereiten. Dieser will am 28. Juni die Standortentscheidung fällen. Dies ist aus zweierlei Sicht notwendig: Die Stadt Wien bietet bis Ende Juni vergünstigte Konditionen für das Areal in St. Marx, außerdem wird laut Insidern bei einer späteren Entscheidung der Zeitplan zu knapp, um einen etwaigen Umzug in die Wege zu leiten.

Kritik am bisherigen Prozedere übte FPÖ-Stiftungsrat Norbert Steger, der der Sitzung der Arbeitsgruppe am Dienstag fernblieb. „Ich gehe nicht hin“, sagte er zum „Standard“ (Mittwochausgabe). Steger ortet eine „Bruchlinie“ zwischen Wrabetz, „der sich nicht festlegt“, und Finanzdirektor Richard Grasl der „gegen Neubau“ sei. „Ich will eine Vorstandsentscheidung, sachlich fundiert, bevor man mir eine Entscheidung abverlangt“, wurde Steger zitiert.

Unterschiedliche Auffassungen zur Standortfrage soll es dem Vernehmen nach auch in der SPÖ geben. Während die rote Stadt Wien heftig für einen Umzug nach St. Marx plädiert, soll die Bundespartei dahingehend eher abwartend sein und vor einem neuen Debakel wie Skylink warnen. Am Mittwoch berichtete die „Kronen Zeitung“ unter Berufung auf die Parteizentrale, dass es der „SPÖ absolut egal ist, wo der ORF arbeitet“. Es müsse nur die günstigste Variante gewählt werden. Man verwies jedenfalls auf die Gefahr, dass bei Großprojekten immer Kostenüberschreitungen zu befürchten seien.

(Quelle:APA)