Die von den Privatsendern präsentierten Regularien für eine freiwillige Kennzeichnung von Scripted-Reality-Formaten dürften praktisch kaum wirksam sein. Dabei wäre eine strenge Kennzeichnung entsprechender Sendungen wichtig, wie mehrere Studien nahelegen, welche die Wirkung von Scripted-Reality auf Jugendliche untersucht haben.

Nach monatelanger Hängepartie konnte am Freitag endlich der Durchbruch verkündet werden: Medienanstalten und Privatsender haben sich gemeinsam auf einen Katalog zur einheitlichen Kennzeichnung von Scripted-Reality-Sendungen im Fernsehen geeinigt. Die Sender verpflichten sich damit freiwillig, bestimmte Mindestanforderungen zur Kenntlichmachung dieser Formate einzuhalten. Faktisch enttäuscht der präsentierte Kompromiss jedoch, denn die Regularien der vereinbarten Kennzeichnungspflicht erfüllen lediglich Minimalforderungen und sind für eine wirksame Kennzeichnung kaum geeignet.

Doch warum gibt es die Diskussion um eine Kennzeichnungspflicht für Scripted-Reality-Formate überhaupt und warum bemühen sich die Medienwächter seit Jahren, diese durchzusetzen? Die Antworten auf diese Fragen könnten mehrere Studien liefern, die in den vergangenen Jahren von Landesmedienanstalten und medienpädagogischen Forschungsverbänden durchgeführt wurden. Diese beschäftigen sich vor allem mit der Wirkung entsprechender Sendungen auf Kinder und Jugendliche und damit, wie die Inhalte dieser Formate von diesen Zielgruppen wahrgenommen werden.

Im August 2012 veröffentlichte die Landesanstalt für Medien Nordrhein Westfalen (LfM) in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft zur Förderung des internationalen Bildungsfernsehens e. V. beispielsweise eine gemeinsame Studie mit dem Titel "Wie Kinder und Jugendliche 'Familie im Brennpunkt' verstehen". Es ging darin also um eine Sendung, deren Handlung völlig frei erfunden ist. Ein zentraler Aspekt dieser Studie war die Frage danach, was die jungen Zuschauer bei der genannten Sendung als echt und was als gescripted ansehen. Eine Umfrage mit 294 Zuschauern zwischen sechs und 18 Jahren ergab dabei, dass immerhin 30 Prozent der Jugendlichen glaubten, es würden für die Sendung Familien im ganz normalen Alltag gefilmt. Bei den sechs- bis sieben-Jährigen sowie bei den 13- bis 14-Jährigen lag der Anteil sogar bei über 40 Prozent.

Der größte Teil der jugendlichen Zuschauer, nämlich 48 Prozent, gab an, dass die gezeigten Fälle zwar von Schauspielern gespielt würden, aber echten Fällen nachempfunden seien. Lediglich 28 Prozent der Befragten gaben die Antwort: "Es denken sich Leute vom Fernsehen diese Geschichten aus". Anzumerken sei jedoch, dass sich die Wahrnehmung mit zunehmendem Alter verschiebt. So glaubten bei den 17- bis 18-Jährigen lediglich 20 Prozent der Befragten, das die gezeigten Szenen echten Erlebnissen nachempfunden seien, während 80 Prozent das Ganze als bloße Inszenierung erkannten.

Eine zweite Studie stammt vom Medienpädagogischen Forschungsverband Südwest und untersuchte die gleiche Frage am Beispiel der Sendung "Berlin Tag & Nacht". Gefragt wurden dabei 256 Zuschauer zwischen zwölf und 19 Jahren. Das Ergebnis ähnelte dabei dem der LfM-Studie. So glaubten insgesamt 16 Prozent der befragten Jugendlichen, dass in der Sendung echte Menschen in ihrem Alltag gefilmt würden. 22 Prozent nahmen an, die gezeigten Szenen seien zwar gestellt, aber echten Ereignissen nachempfunden und 62 Prozent, also nur knapp zwei Drittel, erkannten den rein fiktiven Charakter der Sendungen.

Als Beispiele ließen sich an dieser Stelle noch zahlreiche weitere Untersuchungen anführen, die in den vergangenen Jahren zu Scripted-Reality-Formaten erstellt wurden und die alle ein ähnliches Ergebnis liefern. Tatsächlich scheinen vor allem Kinder und Jugendliche anfällig dafür zu sein, das Gezeigte in diesen Sendungen als echt wahrzunehmen oder zumindest als Nachstellung von echten Ereignissen. Die Bestrebungen der Medienwächter, eine einheitliche Kennzeichnung dieser Sendungen im Fernsehen durchzusetzen, ist vor diesem Hintergrund verständlich. Leider wird sie in der nun beschlossenen Form kaum wirksam sein. Um wirklich erkennbar zu sein, müsste der entsprechende Hinweis zum Beginn jeder Sendung deutlich eingeblendet werden, in Wort- und Schriftform. Löblich: Einige Sender setzen dies für bestimmte Formate bereits um. Warum man sich dann allerdings in monatelangen Diskussionen nicht auf eine entsprechende Regelung einigen konnte, bleibt ein Rätsel.