Was wird aus dem digitalen Antennenfernsehen DVB-T? Bis zum August 2013 gab es darauf keine klare Antwort. Die technische Überlegenheit der konkurrierenden Übertragungswege wurde immer erdrückender, die RTL-Gruppe hatte schon damals angekündigt, von 2014 an auf die terrestrische Ausstrahlung nach dem DVB-T-Standard ganz zu verzichten, und die Politik der Bundesnetzagentur, die lieber heute als morgen eine empfindliche Beschneidung des verfügbaren Frequenzspektrums zugunsten des Mobilfunks durchsetzen möchte, taugte auch nicht gerade als Quelle für DVB-T-Optimismus. Generalrenovierung oder Abschaltung - das waren damals folglich die Möglichkeiten.

Im September 2013 jedoch verkündeten die öffentlich-rechtlichen Sender einen Sanierungsplan, verbunden mit einem Treuebekenntnis zum klassischen Fernsehfunk: Mit DVB-T2 soll es von 2017 an in die Zukunft des terrestrischen Fernsehens gehen. Denn immerhin nutzen in Deutschland noch 7,4 Millionen Haushalte den Empfang via Antenne. Das sind genug Zuschauer, um die technische Modernisierung zu rechtfertigen, die mehr Programme, klarere Bilder und vor allem endlich auch die HDTV-Ausstrahlung ermöglichen soll.
Aus dem Plan wird jetzt Ernst: In Berlin begann Anfang Oktober ein DVB-T2-Pilotprojekt des Rundfunk-Netzbetreibers Media Broadcast, das 18 Monate lang die Übertragung nach dem neuen Standard erproben und Erfahrungen für die Entwicklung passender Endgeräte liefern soll. Interessant ist, wer sich an dieser Initiative beteiligt: Außer ARD und ZDF sind es auch die Mediengruppen RTL und ProSieben Sat1. Die privaten TV-Anbieter also haben der terrestrischen Übertragung nicht endgültig abgeschworen; sie werden allerdings die Einführung neuer Empfangshardware nutzen, um Verschlüsselung und Freischaltung durch Smartcards zu etablieren, um dann - die HD-Plus-Plattform des Satellitenfernsehens lässt grüßen - auch kostenpflichtige Antennenprogramme anzubieten.

Für die Erörterung künftiger Geschäftsmodelle ist es allerdings noch zu früh. Klare Ansagen zur Übertragungstechnik aber gibt es schon: DVB-T2 arbeitet mit einer effizienteren Modulation der Digitalsignale. Allein dadurch kann der Datendurchsatz in jedem Kanal auf etwa das Doppelte steigen, zum Beispiel, wie Media Broadcast vorrechnet, von 16 auf 27 Megabit je Sekunde. Weiteren Effizienzgewinn bringt der Einsatz einer neuen Videokodierung: DVB-T2 soll in Deutschland mit HEVC, auch H.265 genannt, arbeiten. Dieses Kompressionsverfahren steht im Vergleich zu MPEG-2 für die übernächste Technik-Generation, stellt Rekorde im Bit-Sparen auf: Umfasst ein HDTV-Programm in MPEG-2 etwa 16 Megabit je Sekunde, kommt eine HEVC-Version schon mit 4 Megabit je Sekunde aus. Das bedeutet: DVB-T2 kann künftig etwa 35 HDTV-Programme transportieren.

Der kühne Technik-Sprung hat allerdings einen Nachteil: DVB-T2 wird nach einer komplett neuen Population von Empfangsgeräten verlangen. Immerhin gibt es jetzt schon eine Handvoll Apparate, mit denen der Empfang klappt, nämlich Ultra-HD-tüchtige Fernseher, die HEVC dekodieren können und obendrein ein DVB-T2-Empfangsteil haben. Media Broadcast hat es in der vergangenen Woche im Berliner Funkturm am Alexanderplatz vorgeführt, am Beispiel des Panasonic TX-55AXW904 und des LG 55UB850V. Die Demo zeigte auch: Tatsächlich können 4 Megabit je Sekunde HDTV-Bilder in beachtlicher Qualität auf den Bildschirm beamen, wenn HEVC seine Algorithmen ins Spiel bringt. Auch DVB-T2-taugliche USB-Empfangssticks fürs Notebook gibt es schon, etwa das Modell PCTV 292e.

Wie geht der Berliner Versuch nun weiter? Nach der Ausstrahlung erster Test-Programmschleifen schaltet das Usinger DVB-T-„Live Headend“ nun die Programme von ARD, ZDF und Arte auf. Bis Mitte 2015 will Media Broadcast alle Sendeparameter fixiert haben, ein Jahr später soll DVB-T2 in den wichtigsten Ballungszentren an den regulären Start gehen. Bis dahin wird es ein breites Angebot an passenden Empangsgeräten geben: Im nächsten Sommer dürfte die Massenproduktion von HEVC-Decoderchips anlaufen; auch die Hersteller von Ultra-HD-Fernsehern brauchen sie dringend. Und dann wird es auch bald die ersten HEVC-tauglichen Tablets geben. Man darf gespannt sein, welche Hersteller sich entschließen, ihnen auch DVB-T2-Empfangsteile einzupflanzen.

Quelle: F.A.Z.