ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz hat am Donnerstag im Rahmen der Strategieklausur des Stiftungsrats laut über eine Erweiterung des ORF-Portfolios nachgedacht. Denkbar, so hieß es in einer ORF-Aussendung, sei auf lange Frist ein Kinderspartenkanal und einer für das regionale Fernsehen. Grundsätzlich gelte es, die Positionierung der ORF-Sender "vor allem auch beim jungen Publikum und im Tagesverlauf in allen drei Mediengattungen weiterzuentwickeln", so Wrabetz.

Außerdem müssen die Finanzierungsgrundlagen des ORF "nachhaltig weiterentwickelt werden, die Produktionsmethoden sind anzupassen, die Messung von Reichweiten und Marktanteilen muss adaptiert werden, das Produktportfolio und das Plattformmanagement des ORF sind ebenso weiterzuentwickeln wie die Unternehmensorganisation", so Wrabetz.

Der Kaufmännische Direktor des ORF, Richard Grasl, nannte im Rahmen der Sitzung sechs Strategien, um die Finanzierung des ORF nachhaltig stabil zu halten. Dazu sei es nötig, das Gebührenmodell abzusichern und zu legitimieren. Zweitens müssen die Werbeerlöse stabil gehalten werden - "mit noch besserem Vertrieb, neuen Werbeformen und der Betonung des Qualitätsumfelds". Drittens sollen Aktivitäten bei neuen Erlösformen weiter ausgebaut werden. Kostenseitig müsse sich der ORF auf sein Kerngeschäft konzentrieren und die Effizienz im Programm steigern, um Hochglanzproduktionen mit geringeren Kosten produzieren zu können. Weiters will Grasl eine Flexibilisierung bei den Fixkosten "und schließlich müssen wir uns auch die Frage nach der Allokation der Mittel stellen: Wo investieren wir, wie verteilen wir effizienter?", so Grasl laut einer Aussendung.

Fernsehdirektorin Kathrin Zechner referierte über die Schwerpunkte beim ORF-Fernsehen. Sie will unter anderem den Informations-, Doku und Fictionanteil erhöhen, außerdem brauche der ORF die Rechte für die großen Live-Sportevents und müsse auch selbst Live-Highlights schaffen. "Wenn nicht-lineares Fernsehen an Bedeutung gewinnt, müssen die ORF-Marken, unsere Programmfarben so stark und hochwertig sein, dass sich die Menschen auch dann für ihren unverwechselbaren ORF auf allen Plattformen und Vertriebswegen entscheiden", wird Zechner in der Aussendung zitiert.

Der Radiobereich steht laut Hörfunkdirektor Karl Amon vor der Herausforderung, "Strategien zur Verjüngung und zum Community-Building weiterzuverfolgen und weiterzuentwickeln". Mit der Radionutzung über Mobiltelefon und Internet könne der ORF seine "Programme noch zielgruppengerechter aufbereiten und über ein und denselben Radiosender gleichzeitig verschiedene Musik-Geschmäcker bedienen".

Die ORF-Landesstudios setzen laut ORF-Burgenland-Direktor Karlheinz Papst auch in Zukunft auf Regionalität. Der Live-Anteil in den täglichen Sendungen soll noch stärker ausgebaut und der regionale Content in allen Programmen des ORF müsse - unter Berücksichtigung der redaktionellen Möglichkeiten - stetig erhöht werden. "Mit Landesstudio-übergreifenden Produktionen wird es gelingen, mehr Österreich in das Programmangebot des ORF zu bringen. Das macht den ORF im Umfeld eines immer stärker werdenden Mitbewerbs unverwechselbar und unverzichtbar", so Papst.

Im Onlinebereich plant der ORF einen inhaltlichen und technischen Ausbau der ORF-TVthek, die noch im 1. Halbjahr auch auf Windows 8 und in den Kabelnetzen LIWEST, Salzburg AG und kabelplus zu empfangen sein wird, skizzierte ORF-Onlinechef Thomas Prantner. Weiters stellte er die App-Strategie und das mögliche HbbTV-Angebot des ORF vor, das im zweiten Quartal 2013 starten soll. Geplant ist via HbbTV nicht nur die TVthek und den ORF TELETEXT, sondern auch ein News,- Sport-und Wetterportal anzubieten.

VÖP kritisiert ORF-Pläne


Als „völlig absurd“ beurteilt Klaus Schweighofer, Vorstandsvorsitzender des Verbands Österreichischer Privatsender (VÖP) und Vorstand der Styria Media Group, die Pläne des ORFGenerals Wrabetz, das ORF-Angebot quantitativ auszuweiten.

„Angesichts der ständigen Jammerei des ORF über seine angeblich zu knappen Budgets, verbunden mit überaus dreisten Forderungen an die Politik nach mehr Geld und weniger Verpflichtungen, sind diese Gedankenspiele völlig abwegig und absurd. Noch dazu, wo der ORF gleichzeitig in den Raum stellt, in anderen, für den öffentlich-rechtlichen Auftrag wichtigen Bereich kürzen zu wollen.“, so Schweighofer. „Denn jetzt gilt es für den ORF, seine Hausaufgaben zu machen. Bevor er eine quantitative Ausweitung seines Angebots in Betracht ziehen kann, muss erst das bestehende Angebot qualitativ nachgebessert werden.“

Corinna Drumm, Geschäftsführerin des VÖP, ergänzt: „Der Fokus ist jetzt auf die ordnungsgemäße und vollständige Erfüllung des Programmauftrags zu richten! Es ist absolut unverständlich, dass der ORF über die Einführung neue Programme nachdenkt, wenn die bestehenden Programme – und dies ist behördlich bestätigt – mangelhaft sind.“ Damit spielt Drumm auf den vor wenigen Monaten ergangenen Bescheid der KommAustria an. Diese hatte aufgrund einer Beschwerde des VÖP entschieden, dass die TV-Programme ORF eins und ORF 2 nicht als Vollprogramme zu bewerten sind und kein ausgewogenes Programm bieten, wie es das Gesetz verlangt.