Soll der terrestrische Rundfunk in Deutschland ausgebaut oder sollen die entsprechenden Frequenzen dem Mobilfunk zugeschlagen werden? Diese Frage konnten die Experten beim Infrastrukturgipfel der MEDIENTAGE MÜNCHEN nicht abschließend beantworten. Klar wurde jedoch, dass möglichst rasch politische Entscheidungen getroffen werden müssen, um Planungssicherheit zu schaffen.

In einem Impulsreferat betonte Hans-Joachim Otto, der scheidende Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, den stetig steigenden Bedarf an Übertragungskapazitäten für Rundfunk und Datendienste. Der Bundestagsabgeordnete plädierte dafür, einen Kompromiss bei der Verteilung der knappen Funkfrequenzen zu finden, um in unterversorgten Regionen sowohl Breitband-Mobilfunk als auch terrestrischen Rundfunk anzubieten. „Die Aufgabe der Frequenzpolitik ist es, die Zukunft der Vielfalt zu gestalten, ohne einzelne Akteure abzuschneiden“, sagte Hans-Joachim Otto und warb´daher für gemeinsame Lösungen in einer Übergangszeit: „Ich sehe keinen unlösbaren Konflikt.“

In der vom Berater Werner Lauff geleiteten Diskussion hob auch Dr. Jürgen Brautmeier, der Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM), die Notwendigkeit flächendeckender Breitband-Internetanschlüsse hervor. Der Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen setzte sich zugleich dafür ein, dass die Entwicklung nicht zulasten der Fernseh- und Radioveranstalter gehe. „Wir wollen die terrestrischen Übertragungswege sichern“, stellte Brautmeier seine Präferenz für den Übertragungsstandard DVB-T2 klar. Zudem forderte er schnelle Entscheidungen, denn unter anderem wegen der fehlenden Planungssicherheit habe RTL die Verbreitung via DVB-T beendet.

„Der Ausstieg von RTL aus DVB-T ist ein guter Schritt, denn das treibt die Diskussion voran“, kommentierte Wolfgang Breuer, Chief Ececutive Officer von Media Broadcast. Mit Blick auf das zentrale Thema der Diskussion – die Aufteilung des sogenannten 700-MHz-Bandes bei der Weltfunkkonferenz 2015 (WRC) – forderte Breuer, mit den „Lebenslügen“ aufzuhören: „Das 700-MHz-Band wird die Probleme nicht lösen“.

Dr. Christoph Clément, Mitglied der Geschäftsleitung von Kabel Deutschland, plädierte für einen Technologiemix„Das Festnetz ist unabdingbar, um den mobilen Datenverkehr abzutransportieren. .“DVB-T hingegen bezeichnete er als „massive Wettbewerbsverzerrung“, welche vor allem die Kabelnetzbetreiber benachteilige.

Wolfgang Elsäßer, Geschäftsführer von Astra Deutschland und Vorstand der Deutschen TV-Plattform, wies darauf hin, dass technische Lösungen für die terrestrische HD-Übertragung gefunden werden müssten. Mit Ultra HD komme in wenigen Jahren eine weitere Herausforderung auf die Terrestrik zu. In der Diskussion um das 700-MHz-Band sprach er sich dafür aus, dass die Rundfunkbetreiber ihre bestehenden Rechte an den Frequenzen behalten sollten.

Dieser Forderung schloss sich Prof. Dr. Karola Wille an: „Rundfunk als Massenmedium benötigt terrestrische Netze“, sagte die Intendantin des MDR. In diesem Sinne hätten sich die öffentlich-rechtlichen Veranstalter auch für DVB-T2 ausgesprochen.

Einen Kompromiss brachte Dr. Iris Henseler-Ungerins Spiel. Die Vizepräsidentin der Bundesnetzagenturschlug vor, möglichst vor dem Jahr 2020 das 700-MHz-Band für DVB-T2 und den Mobilfunk zu nutzen. Dazu könnten Rundfunkangebote in den Frequenzbereich unterhalb 700 MHz verlagert werden.

Annette Kümmel, die bei der ProSiebenSat.1 Media AG den Bereich Medienpolitik leitet und dem Vorstand des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) angehört, betonte, dass alle Mitglieder im Verband am Wettbewerb der Infrastrukturen festhalten wollten. Obwohl Terrestrik der teuerste Übertragungsweg sei, werde DVB-T2 nicht ausgeschlossen. Allerdings müssten sich die Rahmenbedingungen ändern, damit neue Geschäftsmodelle etabliert und die Programme verschlüsselt werden könnten.

Markus Haas, der im Vorstand von Telefónica Deutschland für die Bereiche Strategie und Recht zuständig ist, erinnerte an den „riesigen Flop“ bei der gescheiterten Einführung von DVB-H. Haas bezeichnete die sinnvolle Verknüpfung von Glasfaser und Mobilfunk als Schlüssel zum Erfolg. Vor präjudizierenden Schnellschüssen warnte Karl-Heinz Laudan. Der Vice President für Spectrum Policy der Deutschen Telekom sagte, zunächst sei es nötig, den Bedarf an Kapazitäten anhand des Nutzerverhaltens zu ermitteln:

„Der Rundfunk muss erarbeiten, wie die Terrestrik künftig aussehen soll.“ Einen deutschen Alleingang bei der Aufteilung der zweiten Digitalen Dividende hält Laudan für nachteilig: „Das 700-MHz-Band wird europaweit für den Mobilfunk verfügbar gemacht.“