Im Sommer 2013 hatte die SRG einen Web‐Only‐Contest lanciert. Ziel des Wettbewerbs: die Produktion von Mini‐Serien, die «webklusiv» auf den Internetplattformen der SRG gezeigt werden. Aus über 180 Projektideen hat eine SRG‐Jury sechs Vorhaben ausgewählt und deren Produktion zu 100 Prozent finanziert. Für die Deutschschweiz wurde das Projekt «Güsel – die Abfalldetektive» auserkoren und unter der Leitung von SRF produziert. Die Online‐Serie sollte insbesondere ein jüngeres Publikum mit seinem heutigen Medienverhalten ansprechen. Entsprechend wurde «Güsel» im Vorfeld über die Social-Media‐Kanäle von SRF beworben.
Zum ersten Mal beurteilte die Programmkommission (PK) der SRG Zürich Schaffhausen eine Ton‐ und Bildproduktion von SRF, die nicht über TV/Radio ausgestrahlt wurde, um so diese neuen Formen des Service public kennen zu lernen. Die Serie spielt in Herblingen SH, sodass sich die PK zugleich dafür interessierte, welches Bild der Region denn gezeichnet würde. Das Programm‐Feedback der PK wurde den SRF‐Verantwortlichen Stefano Semeria (Programmleiter TV) und Michael Cyriax (Leiter Multimedia Content) am 2. März 2015 im Studio Leutschenbach unterbreitet.

Zwischen spektakulär und langatmig

An die neue Machart, die im Jargon als «Fake Documentary» oder «Mockumentary» bezeichnet wird, mussten sich die Mitglieder zuerst gewöhnen. Doch schliesslich konnten sich die meisten damit anfreunden, dass die drei Protagonisten nicht nur zueinander, sondern auch zur Kamera sprachen und dass sie auf komödiantische Weise eine Realität vorspielten, die es so nicht gibt.
Die Frage, ob man sich über die neun Folgen hinweg gut unterhalten fühlte, wurde sehr unterschiedlich beantwortet. Die einen PK‐Mitglieder freuten sich, in einen Mikrokosmos eintauchen zu dürfen, der gespickt war mit vielen unspektakulären und liebevollen Entdeckungen und Botschaften. Diese würden doch genau unser tägliches Zusammenleben ausmachen.
Die anderen langweilten sich eben gerade wegen dieser Alltäglichkeit, von der sie ja auch ohne TV immer umgeben seien. Ein Beispiel: Wenn Olifr (nicht «Oliver») feststellt, dass bei jedem Apéro das Snack‐Angebot immer in der Reihenfolge Paprikachips ‐> Naturechips ‐> Salzbretzeli ‐> Salzstengeli und ‐> Erdnüssli weggehe und er diese Erkenntnis als «Apéro Pyramide» hochstilisiert, dann kann man darin eine subtile Wahrheit erkennen oder aber diese Beobachtung als Banalität abtun.
Über die neun Folgen hinweg vermisste die Kommission einen gewissen Spannungs‐ oder Handlungsbogen. Jede Sendung sei zwar amüsant und in sich geschlossen. Da sich die Folgen jedoch ziemlich ähneln, komme beim Anschauen der gesamten Serie ein gewisser Trott auf, der nach Meinung der PK mit einem übergreifenden Handlungsstrang vermieden werden könnte.
Jemand wies auf die Krimiserie «Der Bestatter» hin, in der jeder Mordfall eine Story für sich sei, zusätzlich aber von Folge zu Folge ein übergeordnetes Geheimnis gelüftet werde.

Wer ist das Zielpublikum?

Die Serie wurde von SRF auf ein junges Publikum zugeschnitten, während die PK ein breiteres Altersspektrum aufweist. Doch die Zustimmung hing mitnichten vom Alter der PK‐Mitglieder ab, genau so wenig vom Geschlecht. Vielmehr entschied die oben beschriebene Affinität für die feinen Beobachtungen des Alltags über Gefallen oder Nicht‐Gefallen der Güsel‐Serie.
Wegen ihres Zuschnitts auf ein jüngeres, online‐affines Publikum hatte SRF damals die Bewerbung vornehmlich über Social‐Media‐Kanäle vorgenommen. Daher hatte fast kein PK‐Mitglied mitgekriegt, dass die Serie im Web zu sehen war. Die PK hätte eine breitere Bewerbung begrüsst. Und da Webseiten, die nicht mehr beworben werden, naturgemäss in Vergessenheit geraten, regte die PK an, die Zuschauerschaft doch noch einmal auf diese zeitlose Produktion aufmerksam zu machen.
Von den PK‐Befürwortern der «Güsel»‐Serie wurde sogar gefordert, die Serie solle auch am TV gezeigt werden. Herr Semeria führte aus, dass es gar nicht so einfach sei, eine knapp zehnminütige Sendung im halbstündig getakteten Programmraster von SRF unterzubringen.
Die web-exklusive Ausstrahlung führte auch zur Frage, wie man sich eine solche Serie denn ansehen solle. Während die einen die gesamte Produktion en bloc konsumierten, portionierten die anderen die Serie in zwei oder drei Folgen, die sie sich ohne Unterbruch ansahen. Letztere hatten dadurch die Möglichkeit,
«ihre Beziehung» zu den drei gekonnt zugespitzten Charakteren und die Gewöhnung an die Machart der Produktion «reifen zu lassen».

Schaffhausen total

Schliesslich freute sich die PK darüber, dass mit dem Schaffhauser Stadtteil Herblingen eine Region ins Zentrum rückte, die ansonsten nicht so viel Aufmerksamkeit erhält. Insbesondere die Zürcher Mitglieder meinten, die Serie könnte doch irgendwo in der Schweiz spielen, sie habe gar nicht viel mit Schaffhausen zu tun. Dies verneinten die beiden Schaffhauser Mitglieder vehement, die an allen Ecken und Enden die in der Serie erwähnten Ortsteile, Schulhäuser und Wälder wiedererkannten, was die Produktion unverkennbar in Schaffhausen verwurzelte. Ebenso konnten nur die beiden PK‐Mitglieder aus Schaffhausen die kleinen Neckereien zwischen dem Schaffhauser Olifr und dem Thurgauer Michi einordnen und darüber schmunzeln.
Die beiden Vertreter des SRF empfanden die Rückmeldungen als hilfreich und luden die Kommission dazu ein, Anregungen für eine zweite Serie zu äussern, deren Drehbuch gerade in Entstehung ist. Nebst dem Hinweis auf den fehlenden Spannungsbogen über die ganze Serie hinweg und dem Rat, es mit den rechthaberischen Dialogen nicht zu übertreiben, ermutigte die PK die Macher, die zweite Serie exakt im Sinne der ersten weiterzutreiben. Denn «Güsel» hat durchaus das Potenzial, Kultstatus zu erlangen.