20:15: Operation Zucker. Jagdgesellschaft
Fernsehfilm Deutschland 2015
»Es raubt einem den Atem, dass es auf recherchierten Tatsachen beruht.«
(Sherry Hormann, Regisseurin)
Eines Abends begegnet Wegemann dem investigativen Journalisten Maik Fellner. Seit Jahren ist der Kinderhandel in Deutschland Fellners Thema, doch seine Artikel haben letztlich keinerlei Wirkung, seine erschütternden Recherchen werden höchstens als Verleumdung verunglimpft. Fellner braucht Wegemann, aber er braucht sie als aktive Polizistin. Er setzt Wegemann unter Druck, erzählt ihr von einer 14-jährigen Zeugin, die ihn auf die Spur eines Kinderhändlerrings in Potsdam gebracht hat. Die Hinweise sind so konkret, dass auch Wegemann sich dem logischen nächsten Schritt nicht entziehen kann.
Nachdem sie ihren Vorgesetzten davon überzeugen konnte, dass sie die nötige emotionale Stabilität mitbringt, lässt sie sich nach Brandenburg schicken, um mit ihrem anfangs undurchsichtigen Potsdamer Kollegen Ronald Krug vor Ort zu ermitteln.
Mit Hilfe von Victor, dessen Freundin Laura ebenfalls dem Kinderhändlerring ausgesetzt ist, wird Wegemann auf die zehnjährige Lucy aufmerksam. Auffällig geschminkt sitzt das Mädchen alleine am Bahnsteig. Als Wegemann die Kleine anspricht, kommt eilig der angesehene Potsdamer Bauunternehmer Kai Voss dazu und stellt sich als Lucys Vater vor. Obwohl Krug und Staatsanwalt Mack für Kai Voss und seine Frau bürgen, weiß Wegemann die Zeichen zu deuten. Sie nimmt die Spur auf und entdeckt dass mit Vanessa noch ein zweites Kind neben Lucy im Haus Voss wohnt. Karin Wegemann gerät bei ihren Ermittlungen in größte Not, denn auch die Täter wissen, dass es eine Zeugin gibt.
Volker Herres, Programmdirektor des Ersten, zum Film
»Es passiert jeden Tag. Überall in Deutschland. Der Missbrauch von Kindern ist eins der schrecklichsten Verbrechen, weil es junge Menschen zerstört und lebenslang zeichnet. Und es ist ein lukratives Geschäft: UNICEF schätzt, dass weltweit mit Kinderhandel und Kinderprostitution bei stetig steigender Nachfrage mehr Geld verdient wird als mit Waffen.
'Operation Zucker. Jagdgesellschaft' zeigt eine perfide Organisation, die hinter bürgerlicher Fassade ihren Mitgliedern Kinder 'zur Verfügung' stellt. Die Täter gehören zur besten Gesellschaft und werden durch ein Netz von Mitwissern in verantwortlichen Positionen gedeckt. Die LKA-Kommissarin Karin Wegemann, durch ihre Ermittlungen in 'Operation Zucker' traumatisiert, hofft, diesmal etwas gegen die 'Jagdgesellschaft' unternehmen zu können. Nadja Uhl verkörpert Karin Wegemann mit einer Intensität, die uns in jeder Sekunde die Verzweiflung, aber auch den Willen der Figur spüren lässt. An ihrer Seite steht Mišel Matičević als Kommissar Ronald Krug, der feststellen muss, dass sich die Täter auch in seinem persönlichen Umfeld befinden.
Alles Fiktion? Leider nein, denn der Film beruht auf sorgfältig recherchierten Tatsachen. Die Produzentin Gabriela Sperl, die Drehbuchautoren Friedrich Ani und Ina Jung sowie die Regisseurin Sherry Hormann sind tief eingestiegen in diesen Sumpf von Gewalt, mafiösen Strukturen und schnell verdientem Geld. Was sie zutage gefördert haben, ist schwer erträglich, aber genau deswegen sollten wir genau hinsehen.
'Operation Zucker' hat 2013 für Diskussionen, auch auf politischer Ebene, gesorgt und den Blick der Öffentlichkeit darauf gelenkt, dass Deutschland einer der besten 'Absatzmärkte' für den Handel mit Kindern ist. 'Operation Zucker. Jagdgesellschaft' rückt die 'Kunden' in den Mittelpunkt, ihre gutbürgerliche Tarnung und ihr undurchdringliches Netzwerk.
21:45 Uhr: "Maischberger": Sexobjekt Kind – Kampf gegen Missbrauch
Direkt im Anschluss an den Film widmet sich die Talksendung "Maischberger" dem Thema. Zu Gast sind unter anderem Julia von Weiler (Innocence in Danger e.V.) und Johannes-Wilhelm Rörig (Bundesbeauftragter für Fragen des Kindesmissbrauchs).
Live-Chat mit den Filmemachern und Experten
Während des Themenabends haben Sie die Gelegenheit, mit den Machern des Films "Operation Zucker. Jagdgesellschaft" und einer Expertin zum Thema "Sexueller Missbrauch an Kindern" zu chatten. Los geht es um 20:15 Uhr.
Hintergrund
Kinderhandel in Deutschland: Das Geschäft mit der Unschuld
Lucy sagt kein Wort, als sie routiniert in ihrem weißen Kleidchen in den Kofferraum ihres Vaters steigt. Sie hat lange blonde Locken, trägt das Make-Up, das ihre Mutter ihr zuvor aufgetragen hat und ist gerade mal zehn Jahre alt. Im Kofferraum versteckt, wird sie von ihrem Vater in den Wald gefahren. Dort übergibt er sie einem Freier, der sie sexuell missbrauchen wird. Lucy ist eines der beiden Mädchen, die im Film "Operation Zucker: Jagdgesellschaft" verkauft und missbraucht werden.
Kinderhandel gibt es auch in Deutschland
Diese Fiktion des Krimis, ist näher an der Realität als viele denken – und zwar an der deutschen Realität. Kinderhandel gibt es nicht nur irgendwo in Asien oder Osteuropa. Wie groß das Problem hierzulande ist, kann man allerdings nur ahnen. Es gibt keine Zahlen. Eine Orientierung gibt das jährlich erscheinende Bundeslagebild "Menschenhandel" des Bundeskriminalamts.
Nicht nur im Rotlichtmilieu gibt es Fälle
2014 gab es demnach 557 Opfer im Bereich Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung. 95 Prozent davon sind Frauen. 266 von ihnen, also fast die Hälfte, waren unter 21 Jahre alt. Diese Zahlen zeigen allerdings nur die abgeschlossenen Ermittlungen. "Fälle, die nicht aus dem Rotlichtmilieu stammen, sind in dem Bericht kaum zu finden", sagt Mechthild Maurer, Geschäftsführerin von ECPAT Deutschland, einem Verein, der Kinder vor sexueller Ausbeutung schützen will. Was aber nicht heißt, dass es sie nicht gibt.
Der "typische" Täter
Die meisten kindlichen Opfer findet man laut Mechthild Maurer vor allem im so genannten pädosexuellen Bereich. Die Täter sind hier fast immer Männer. Die leben aber nicht zwingend am Rande der Gesellschaft, sondern oft auch mittendrin. "Im akademischen Bereich gibt es da eine gute Streuung", sagt Mechthild Maurer. "Die haben meistens eine gute Täterstrategie, lassen sich Zeit und bauen Vertrauen zu ihren Opfern auf."
Die Loverboy-Strategie
Bei den nachpubertären Opfern dominiert die so genannte Loverboy-Strategie. Ein Loverboy ist ein junger Mann zwischen 18 und 25 Jahren, der ein Mädchen erst in sich verliebt macht und es dann zur Prostitution zwingt. Als Druckmittel verwendet er dann zum Beispiel anzügliche Fotos oder er droht damit, der Familie des Mädchens etwas anzutun. Diese Fälle aufzudecken ist gar nicht so einfach.
Die Scham ist riesig
"Die Mädchen erstatten so gut wie nie Anzeige, weil die Hemmschwelle so groß ist", sagt Bärbel Kannemann vom Verein "No Loverboys". "Die Mädchen schämen sich vor der Reaktion des Umfelds und haben Angst vor der Gewalt der Täter. Aber an fast jeder Schule, an der ich bin, gibt es Opfer." Und auch die Loverboy-Opfer findet man fernab des Rotlichts. Laut Bärbel Kannemann stammen immer mehr Mädchen sogar aus den oberen sozialen Schichten.
Flüchtlinge sind besonders gefährdet
Inzwischen gibt es in Deutschland eine neue Gruppe, die besonders in Gefahr ist: minderjährige Flüchtlinge. Rund 57.000 befanden sich laut Bundesregierung im Dezember in Deutschland. Schon auf der Flucht gibt es viele Situationen, in denen Kinder an Menschenhändler oder Schleuser geraten können. Aber auch hier in Deutschland sind sie längst nicht sicher. "Wir hatten zum Beispiel den Fall eines Jungen aus Gambia, der in der Erstaufnahmeeinrichtung schnell von anderen Afrikanern kontaktiert und zum Drogenhandel genötigt wurde", erzählt Mechthild Maurer. Unbegleitete Flüchtlinge haben es da besser, auch wenn das erstmal nach einem Widerspruch klingt.
Der "unechte" Onkel
"Für unbegleitete Flüchtlinge ist sofort das Jugendamt zuständig und sie kommen gleich in gesonderte Unterkünfte oder zu Pflegeeltern", sagt Mechthild Maurer. "Bei begleiteten Kindern sagt bei der Erstaufnahme oft jemand, dass er der Onkel oder große Bruder des Kindes sei. Das wird dann aber nicht geprüft." Gefahr geht für die Kinder aber nicht nur von anderen Flüchtlingen aus. "Es gab auch schon deutsche so genannte Gutmenschen, die ein Flüchtlingsmädchen erst großzügig zu sich zum Abendessen einladen und sie dann zum Sex zwingen", erzählt Mechthild Maurer. Oft werde den Opfern auch damit gedroht, dass sie kein Asyl bekommen, wenn sie jemandem etwas davon erzählen.
Schützt Deutschland eher die Täter?
Die Kommissarin im Film "Operation Zucker: Jagdgesellschaft" bezeichnet Deutschland als "Täterschutzland". Ganz so krass möchte Mechthild Maurer das nicht ausdrücken. Aber es könnte ihrer Ansicht nach mehr gemacht werden, um die Opfer besser zu schützen. "Die Polizei hat wenig Personalressourcen für diese Delikte, da sind die Schwerpunkte anders gesetzt", sagt sie. Außerdem gebe es wenig, was für alle 16 Bundesländer verbindlich ist. "Bis jetzt hat das alles keine Struktur, da rutscht so viel durch." Deswegen hofft sie auf ein Bundeskooperationsmodell zwischen Polizei, Justiz, Jugendamt und Jugendhilfe, damit alle diese Instanzen besser zusammen arbeiten können. Und Filme wie "Operation Zucker: Jagdgesellschaft" in Zukunft nichts mehr mit der Realität zu tun haben.




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