Wenn es nach der EU-Kommission geht, sollen geografische Sperren für Internetinhalte im EU-Raum, zumindest bei Reisen, bald der Vergangenheit angehören – sogenannte „grenzüberschreitende Portabilität“ soll den Nutzern ermöglichen, ihre legal im Heimatland erworbenen Inhalte (etwa Filme, Serien, Musik, E-Books oder Sportübertragungen) europaweit „mitnehmen“ zu können. Das gilt im Besonderen für bezahlte Mitgliedschaften. Bisher wird das mithilfe von Geoblocking-Mechanismen verhindert, mit dem Resultat, dass der Screen meist schwarz bleibt, weil der Anbieter, sei es Amazon Prime Video, Spotify, Netflix oder Skoobe, anhand der IP-Adresse erkennt, dass sich der User im Ausland befindet. Die neue Verordnung soll frühestens 2017 für alle 28 EU-Staaten in Kraft treten, zeitnah zum Ende der Roaminggebühren im EU-Raum Mitte nächsten Jahres.
Ziel ist es laut EU-Kommission, den Europäern eine breitere Auswahl an Inhalten zu ermöglichen, die Digitalwirtschaft anzukurbeln und den digitalen Binnenmarkt in Europa von Hürden zu befreien. Auch Filmpiraterie soll eingedämmt werden. Laut einer Aussendung der EU-Kommission im Dezember 2015 konsumieren bereits 49 Prozent der Internetnutzer in der EU online Musik, Videos oder Spiele. „Viele davon, besonders die Jungen, erwarten, dass sie das Angebot auch auf ihren *Europa-Reisen nutzen können“, heißt es in dem Schreiben. 51 Prozent surfen außerdem schon via Smartphone im Netz und es ist anzunehmen, dass diese Zahl in den nächsten Jahren weiter ansteigen wird.
Ein Beispiel: Reist ein österreichischer Netflix-Abonnent etwa nach Frankreich, kann er dort nur die Inhalte einsehen, die der Streaminganbieter in diesem Land aufgrund von landesspezifischen Lizenzen im Portfolio hat. Führt die Reise in ein Land, in dem Netflix nicht präsent ist, bleibt der Bildschirm komplett schwarz. Mit Einführung der Änderungen wird der User sowohl bei seiner Frankreichreise als auch bei Reisen in alle anderen EU-Länder auf den Österreich-Content von Netflix zugreifen können. Erst Anfang Jänner expandierte Netflix übrigens in 130 weitere Länder und deckt nun auch ganz Europa ab.
ORF ausgenommen
Auf Mediatheken von öffentlich-rechtlichen Sendern, wie etwa hierzulande der ORF TVthek, wird der Gesetzesvorschlag übrigens aus heutiger Sicht keine Auswirkungen haben, da es sich hier um kein Abo handelt. Bei einigen Sendungen beziehungsweise Teilen von Sendungen bleibt der Screen weiterhin schwarz, da der ORF hier nur das Recht hat, diese in Österreich zu zeigen und nicht weltweit im Internet anzubieten. Eine Öffnung des Angebots für den österreichischen Europaurlauber wäre nach dem Gesetzesentwurf der EU-Kommission nur möglich, wenn nachgewiesen werden kann, dass jener User, der gerade von Italien aus auf den ORF-Content zugreifen möchte, in Wahrheit in Österreich beheimatet ist. Denkbar wäre aber durchaus, dass der ORF auf seiner TVthek einen Login-Bereich einführt, über den sich österreichische Nutzer autorisieren und so auch im Ausland auf alle Inhalte *Zugriff erhalten.
Weitere Auswirkungen
Aber nicht nur die einzelnen User würden vom Wegfall der geografischen Beschränkungen profitieren. Der US-Technikgigant Adobe hat erst kürzlich in fünf Punkten zusammengefasst, was der komplette Wegfall von Geoblocking für den Broadcasting-Sektor zu bedeuten hätte, wenn es denn eines Tages so weit ist:
1. Große Content-Anbieter wie Netflix oder Amazon Prime können ohne Umwege direkt in neuen Märkten durchstarten: Es eröffnen sich ihnen neue Geschäftsmodelle, da sie direkt zum Konsumenten gehen und eine Kundenbeziehung aufbauen können. Bisher mussten sie ihren Content über lizenzierte lokale Services oder Broadcaster des jeweiligen Landes vermarkten.
2. Mehr Erfolg durch international adaptierbaren Content: Adobe ist davon überzeugt, dass der Erfolg des Bewegtbild-Contents in Zukunft entscheidend davon abhängen wird, wie gut er für den länderübergreifenden Einsatz adaptierbar ist. Bereits durch das Angebot von Untertiteln oder mehreren Sprachspuren könnte die Publikumsreichweite erheblich gesteigert werden.
3. Content Delivery Networks (CDNs) profitieren von europäischer Reichweite: Obwohl das Ausspielen von Video Content inzwischen relativ einfach ist, fehlt es vielen kleineren CDNs immer noch an internationaler Reichweite. Diese könnten sie durch die grenzüberschreitende Nutzung ihrer Inhalte schon bald kompensieren (Anmerkung: Bei einem CDN handelt es sich um ein Netzwerk aus Rechenzentren, es hat unter anderem die Aufgabe, die Performance von Websites zu optimieren).
4. TV-Werbung wird zunehmend programmatisch: Adobe schätzt, dass Programmatic Advertising in der TV-Werbung rasant an Bedeutung gewinnen wird, um die Segmentierung der auf europäischer Ebene explosionsartig gewachsenen Zielgruppen erfolgreich zu bewältigen sowie das vergrößerte Inventar der Broadcaster und der Over-the-Top-Content-Anbieter (OTT) in den einzelnen Ländern erfolgreich zu vermarkten.
5. Adobe prognostiziert, dass kleinere Anbieter ihren Workflow anpassen müssen: Demnach verfügen die meisten großen Player bereits über die nötigen Voraussetzungen, um die Möglichkeiten eines digitalen Binnenmarktes für sich zu nutzen. Für kleinere Anbieter dürfte das eine Herausforderung werden: Diese werden neue technische Lösungen brauchen.




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