Es begann vor fünf Jahren und wurde bald Arabischer Frühling genannt. Auch in Syrien formierte sich der Protest einer überwiegend friedlichen Jugend. Doch seit 2011 tobt dort ein Bürgerkrieg, mehr als 250.000 Menschen starben, über 100.000 Menschen sind verschwunden, über zwölf Millionen Menschen begaben sich auf die Flucht - nach vorsichtigen Schätzungen. Das alles macht es so schwer für uns, zu verstehen, was dort eigentlich genau vor sich geht. Einen historischen Ablauf und einen Überblick auf die heutige Situation bietet der Themenabend „Thema Spezial: Syrien“, der am kommenden Dienstag, den 15. März ab 20.15 Uhr auf Arte ausgestrahlt wird. Er umfasst sechs Dokumentationen und dauert insgesamt fast sieben Stunden.

Der Themenabend beginnt mit der Dokumentation „Verlorene Welten“ von Georg Graffe, Heike Schmidt und Kay Siering. Sie zeigen auf, dass nirgendwo sonst die Spuren der Zivilisation so weit zurückreichen wie im Vorderen Orient. Der Fruchtbare Halbmond mit vielen Kulturgütern reicht vom Mittelmeer bis zum Persischen Golf. Doch das schützenswerte Weltkulturerbe ist bedroht - die Spur der Zerstörung seitens der fanatischen Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reicht vom Irak bis zu Syrien.

Als trauriger Höhepunkt der Verwüstungen gelten die Vernichtung der Stadt Aleppo und der Oasenstadt Palmyra. Westliche und östliche Kultur mit römischen und orientalischen Elementen gingen hier eine einmalige Verbindung ein - man könnte fast von einer Form von Multikulti sprechen. Vermutlich auch deshalb zerstört der Islamische Staat gerade dort die Zeugen einer glanzvollen Epoche, die außerdem touristische Attraktionen sind, oder verhökert sie auf dem Schwarzmarkt.

Im Film äußern sich Orientalisten und Museumsdirektoren wie der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger. Er sagt: „Man tötet nicht nur die Menschen, man nimmt ihnen auch ihre kulturelle Identität. Das macht sprachlos.“ Doch was kann der zivilisierte Westen dagegen tun? Es werden bereits antike Handschriften zumindest virtuell gesichert - aber soll man Kunstwerke ausfliegen, um sie vor der Zerstörung zu bewahren?

Das wird schwierig. Man arbeitet allerdings bereits daran, sie mit Hilfe einer Datenbank von 3D-Computerbildern zu sichern. Originale kann man so sicher nicht erhalten, aber ein Zeichen kann man schon setzen. Die Autoren sagen aber auch ganz klar, dass ein Ende der Zerstörung von Kulturgütern letztlich nur von Seiten der Politik bewirkt werden kann. Und die agiert recht hilflos.

In der zweiten Dokumentation „Inside Rakka“ (21.00 Uhr) von Thomas Dandois und Francois-Xavier Tregan zeigen IS-Deserteure zwar nicht ihr wahres Gesicht - das bleibt meist im Dunkeln, die Stimmen werden verzerrt - doch sie zeigen das Gesicht dieser gefährlichen Terrororganisation. Als ihre Hauptstadt bezeichnen sie das syrische Rakka, dort waren auch die meisten der etwa 100 Aussteiger stationiert. Nun sind sie in der Türkei. Dort äußern sich Frauen und Männer vor der Kamera gleichermaßen, wie sehr sie sich haben verführen und blenden lassen. Sie wollen den IS vorführen, mit all den falschen Versprechungen, der Gewaltverherrlichung, den Gehirnwäschen, der Korruption und den willkürlichen Erschießungen.

Klar wird: Der IS ist weder islamisch noch ein Staat. Manche Deserteure sind stolz darauf, dass sie den Absprung mit Hilfe von Ausschleusern geschafft haben, manche auch nicht, weil sie gehen mussten - und allen ist klar, dass ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt wurde. Es sei angemerkt, dass einige Schilderungen von Gewalt für manchen Zuschauer eine arge Zumutung darstellen können.Die folgende Doku „Vermisst!“ (21.50 Uhr) von Sophie Nivelle-Cardinale und Etienne Huber zeigt Willkür, Grausamkeit und Folter in Syrien und belegt, wie das Regime des immer noch herrschenden syrischen Machthabers Assad seine politischen Gegner ausschaltet. Besonders perfide ist, wie die Mörder die Leichen ihrer Opfer fotografieren, die zur leichteren Identifikation mit Nummern versehen werden. Die verzweifelten Familien erhalten keinerlei Informationen darüber, ob ihre Angehörigen noch am Leben sind.

Auch die weiteren Dokumentationen von 23.00 Uhr bis 3.00 Uhr - teilweise Kurzfilme von Amateuren oder von syrischen Filmemachern - zeigen, wie komplex und erschütternd die Situation in Syrien ist.

Auch wenn man sich ausführlich diesem Themenabend gewidmet hat, versteht man bestimmt noch längst nicht alles. Aber was man ganz sicher versteht: Das, was dort geschieht, ist eine Kriegserklärung an die westliche Zivilisation. Und sie geht uns alle an.