Das alte Credo, der Feind meines Feindes ist mein Freund, ist in Mexiko aktueller denn je. Denn der TV-Marktführer Televisa schmiedet eine Allianz mit TV Azteca. Ein direkter Konkurrent, gegründet 1993, dem man über Dekaden nichts geschenkt hat. Beide Sendeanstalten sehen sich nämlich als Partner im Kampf gegen einen stets mächtigeren, gemeinsamen Gegenspieler: Netflix.
Der US-amerikanische Onlinegigant ebnet sich in Mexiko mit seinen 120 Millionen Einwohnern nämlich den Weg zum Milliarden-Dollar-Markt. Die Zweckehe unter den lokalen Anbietern dient aber auch als gestärkte Gegenposition zu Claro Video, ein aufstrebendes Portal, hinter dem der Multimilliardär und Telekom-Austria-Aktionär Carlos Slim Helú (gemäß Forbes-Reichsten-Liste aktuell auf Rang sieben) steht.
Und dessen Videoplattform, gekoppelt an die Telmex-Telefoniedienste im Paket, welche nun auch um den Onlinestreaming-TV-Markt buhlt. Für Claro will Slim auch eine terrestrische Pay-TV-Lizenz.Nun wollen Televisa und TV Azteca gemeinsame Fernsehproduktionen umsetzen und Inhalte auf beiden Sendern ausstrahlen – und diese vor allem auf Televisas hauseigener Onlinevideoplattform Blim feilbieten.
Blim ist dabei die erhoffte Wunderwaffe in der Digital-Arena. Wie Netflix auch, schielt man gleich auf Lateinamerika per se, und ist aktuell in 17 Staaten erhältlich.
Duell über Kampagnen
Freilich geht man ganz tabulos mit Werbekampagnen gegen Netflix vor – wie auch vice versa. Anfang Oktober griff Netflix in die untere Schublade, und unkte gegen den Senderriesen, nachdem der seine OTT-Kooperation (engl. „Over the top“) mit dem US-Streamingdienst aufgekündigt hatte. Umgehend musste man sämtliche Televisa-Telenovelas von der Lateinamerika-Netflixseite nehmen.
Und warb prompt gegen Televisa, mit einem tieftraurigen jungen Mann, der seine Lieblingsserien nicht sehen kann.Der Konter der Mexikaner folgte prompt. Mit fast 1:1 kopiertem Set, doch minimal verändertem Plot: Ein glücklicher TV-Konsument, der „endlich wieder Rebelde sehen kann“. Eine erfolgreiche Telenovela, 2004 gestartet, die besonders vom jugendlichem Publikum goutiert wird.
Sehen kann man diese nun nur über Blim. Doch zu Nutzerzahlen für die mehrheitlich Eigenproduktionen mexikanischer Art gibt man sich bei Televisa noch bedeckt. Wie auch Netflix, das bereits im September 2011 in Mexiko startete, und aktuell etwa vier Millionen Abonnenten in ganz Lateinamerika hält. Konkrete Daten zu einzelnen Staaten bleiben unter Verschluss. Doch droht Televisa und TV Azteca weiteres Ungemach. Denn fast zeitgleich versucht nun der Gesetzgeber, den so genannten „Narco“-Telenovelas und -serien, die im mexikanischen Drogenkartellmilieu angesiedelt sind, aus moralischen Gründen ein Verbot aufzuerlegen. Damit würde man die goldenen Kälber der nationalen TV-Produktionen opfern. Nicht nur „La Reina del Sur“ („Königin des Südens“) war ein Quotenhit, der im spanischsprachigen Netflix zu sehen ist.
„El Señor de los Cielos“ („Der Herr der Himmel“), eine Narco-Telenovela von Televisa, sorgte ebenso für Rekorde bei der TV-Audienz. Vom Leben des Urvaters aller mexikanischen Drogenbarone, Amado Carrillo Fuentes, inspiriert, ist jene in gewisser Weise Televisas Pendent zum Netflix-Erfolg „Narcos“ über Pablo Escobars Kokainkartell. Zusammen mit „La Rosa de Guadalupe“ zählt jene Telenovela laut Forbes-Erhebung zu den meistgesehenen der mexikanischen Bevölkerung, aber auch der großen Exilcommunity in den USA.
Blim, erst im Februar dieses Jahres gestartet, bietet neben den mexikanischen Serienhits freilich auch internationale Produktionen, klassisches Kino, Sport und Showprogramme on demand. Zum Monatspreis von 109 mexikanischen Pesos, umgerechnet knapp fünf Euro – damit ist man einen Hauch teurer als Netflix (99 Pesos). Zudem kämpfen am Streamingmarkt auch wie eingangs erwähnt Slims *Claro-Video, aber auch HBO Go, die mit dem Satelliten-TV-Dienst Dish eine Allianz (HBOmax) schmiedeten. Für Kinofilme existiert zudem mit Klic von Cinépolis eine eigene Plattform für Mexiko.
Ganz Südamerika im Fokus
Televisa und TV Aztecta werden sich nun dem klassischen Genre der Telenovela gemeinsam in puncto Produktion widmen. Bewährtes soll im Bezahlmodell Bares bringen. Und TV Azteca wird dafür auch auf Blim Inhalte streamen. Rivalität beiseite, ist nun Offenheit die gemeinsame Devise.
Zu den ersten TV-Azteca-Inhalten auf Blim zählt „Entre Correr y Vivir“ – wie könnte es anders sein, eine Telenovela – koproduziert mit dem Indy-Studio Eureka. Drehbeginn war der 17. Oktober unter der Regie von Julián Antuñano, mit Vadhir Derbez, dem Sohn des Komikers Eugenio Derbez – beide bei Televisa unter Vertrag – in der Hauptrolle. Die Geschichte dreht sich um die beiden ersten Formel-1-Rennfahrer Mexikos in den 1960er-Jahren, Pedro und Ricardo Rodríguez.
„Uns gefällt einfach die Idee zur Serie, darum haben wir uns um die Lizenz bemüht“, sagt Blim-Chef Carlos Sandoval: „Wir werden weitere Inhalte suchen für unsere Plattform, um unsere Position am Markt zu festigen.“ Dabei limitiere man sich nicht auf Mexikos Produktionen alleine, sondern wolle auch aus Kolumbien, Argentinien und anderen Staaten Lateinamerikas das Angebot ausweiten.
Televisas Stärke sind spanischsprachige Produktionen, und diese „markieren den Weg, Richtung Marktführerschaft in Süd- und Mittelamerika“.‚Zukunft von TV ist Kooperation‘„Diese Produktion ‚Entre Correr y Vivir‘ markiert ein Vorher und Nachher“, unterstreicht Benjamín Salinas, TV-Azteca-Generaldirektor: „Wir blicken über unsere Festungsmauern hinaus. Die Zukunft des Fernsehens ist Kooperation. Wir haben das Talent weder gepachtet noch gekauft.“
Es sei unabdingbar, sich vereint Herausforderungen zu stellen, so der TV-Azteca-Chef. Das tut Not. Denn beide, Televisa, unter Aufsichtsratschef Emilio *Azcárraga Jean, und TV Azteca, legten mit dem Drittquartal desaströse Berichte vor. TV Azteca verdoppelte die Verluste von 2015 (817 Millionen Pesos), und hielt bei 1,9 Milliarden Pesos in roten Zahlen (84,7 Millionen Euro). Televisas Gewinn brach im selben Quartal herb ein: 84 Prozent weniger als im Vorjahr, aber doch noch passable 1,06 Milliarden Pesos (47,25 Millionen Euro).




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