Seit Jahresbeginn führt Bernd Reichart die RTL-Gruppe in Köln – und der frühere Vox-Chef legt enormes Tempo vor. Im Horizont-Interview formuliert Anke Schäferkordts Nachfolger ehrgeizige Ziele mit TV Now. Und: Auch mehr Österreich-Programm könnte kommen.
RTL sei die stärkste Marke im deutschen Fernsehen, sagt Bernd Reichart. Und der erst 45-jährige CEO der Mediengruppe RTL Deutschland will es – das zeigt sich im HORIZONT-Gespräch – nicht dabei belassen.
Zusammen mit anderen Unternehmen des Bertelsmann-Mutterkonzerns wurde die Ad Alliance gegründet, die neue Werbepotenziale ebenso heben soll wie Plattform-übergreifender Partner für die Kreativwirtschaft sein („Content Alliance“) möchte. In Köln, dem Unternehmensstandort, wird indes das journalistische Arbeiten neu definiert. Die laut Reichart 700 Journalisten werden im „Inhalte-Herz“ von RTL organisiert, um den Content zielgenau ausspielen zu können.
Reichart, der Anfang des Jahres auf die langjährige RTL-Chefin Anke Schäferkordt folgte,bringt dabei jede Menge Programm-Know-how mit. Er kam vom TV-Sender Vox – den er mit neuartigen Shows („Sing meinen Song“, die Investmentshow „*Höhle der Löwen“) und einem echten Händchen für fiktionale Stoffe (für die Serie „Club der roten Bänder“ erhielt er den angesehen Grimme-Preis und zweimal den Deutschen Fernsehpreis) neu positionierte.
TV Now im Zentrum
Der Dreh- und Angelpunkt seiner Strategie für die Mediengruppe RTL, die mit einem Umsatz von 1,08 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2019 immer noch wichtigster Umsatzbringer der internationalen RTL Group ist: die Streaming-Plattform TV Now. Für diese produziert die RTL-Gruppe nun verstärkt eigene Inhalte, die „online first“ ausgespielt werden und den globalen Streaming-Anbietern lokalen Content entgegensetzen sollen. Reichart hat auch – noch nicht näher definierte Pläne – für Österreich. Im Interview verspricht er nach den positiven Erfahrungen mit dem N-tv-Programmfenster, die Situation neu denken zu wollen. Wir sind gespannt.
Horizont: Die Mediengruppe RTL hat jüngst das Programm ihrer TV-Sender präsentiert. Sie selbst sind seit Jänner CEO. Inwieweit trägt das neue Programm schon Ihre Handschrift?
Bernd Reichart: Einfache Antwort: programmlich wahrscheinlich am allermeisten noch bei Vox – und in der Strategie unserer Gruppe, die für all unsere Angebote gilt: Wir investieren weiter massiv in eigene Entertainment-Inhalte sowie den Ausbau unserer journalistischen Angebote. Diese Strategie weiten wir konsequent auf nonlineare Angebote wie TV Now aus.
Warum dieser Move in Richtung TV Now?
Weil wir der Überzeugung sind, dass SVoD – also Subscription Video on Demand – in der Mitte der Zuschauerschaft ankommen wird. Es wird keine Form der Nutzung bleiben, die in erster Linie von jungen, urbanen, technikaffinen First Movern getrieben wird. Es gibt weitere Genres, die sich für SVoD eignen und komplementär zum linearen TV immer stärker nachgefragt werden. Unser Publikum dorthin zu führen und mit Genres zu bespielen, die lokaler sind und vielseitiger als das, was Netflix und Co mit ihren Originals liefern, verstehen wir als unsere originäre Aufgabe als lokaler News- und Entertainment-Anbieter.
Zeigen die Zahlen, dass SVoD in die Mitte des Marktes rückt?
Erfahrungen im Streaming sammeln wir ja schon seit 2007 mit dem Start von damals RTL Now. Unser neues Angebot von TV Now haben wir vor rund neun Monaten gelauncht, und die aktuellen Zahlen zeigen, dass wir schon heute eine starke Stellung im deutschsprachigen Markt haben: mit teils über fünf Millionen Unique Usern pro Monat, einem Plus von fast 40 Prozent bei den Abonnenten und rund einem Drittel mehr verbrachter Zeit vor dem Screen. Diese Position bauen wir beherzt aus.
Sind Sie zu diesem Schritt gezwungen, weil sich die Werbeausgaben verlagern?
Wir denken eher vom Nutzer und Zuschauer und bedienen ihn genau dort, wo er gerne bedient werden möchte. Es gibt unterschiedliche Sehmotivationen – und vor allem Situationen, in denen Video-Inhalte heute konsumiert werden. Mit unserem starken und breit angelegten TV-Portfolio haben wir die Kraft, lineares Fernsehen und Streaming ganz neu zu kombinieren und zu integrieren. Wir fragen uns bei jedem neuen Format: Wo zeigen wir es zuerst? Ist es im Pre-TV-Produkt bei TV Now, ein Web-only-Programm, oder spielt es am stärksten im Linearen? Die perfekte Konfektionierung für den richtigen Inhalt zu entwickeln und dann wirklich die gesamte Klaviatur zu nutzen, ist eine Stärke, die wir zunehmend ausspielen.
Im Gegensatz zur Konkurrenz von ProSiebenSat.1 hat RTL auf großflächige Investments in E-Commerce verzichtet. Die richtige Entscheidung?
Wenn auch mehr oder weniger intensiv, macht das wohl beinahe jeder größere europäische Broadcaster. Wir auch, allerdings unter dem Dach der IP und ohne eigene Dachgesellschaft. In unserem Fokus aber stehen weiterhin unsere Inhalte. Hier investieren wir jährlich über eine Milliarde Euro. Neben den stärksten Entertainment-Marken bieten wir journalistische Angebote, von rund 700 Journalistinnen und Journalisten erstellt. Damit erreichen wir über unsere Sender und Plattformen hinweg rund 20 Millionen Menschen. Tag für Tag. Dieses Gesamtpaket bringt uns gegenüber lokalen, aber auch globalen Wettbewerbern in eine durchaus erfolgversprechende Position, die wir festigen wollen.
Sie sind neun Monate in Funktion, legen eine hohe Geschwindigkeit bei der Neuausrichtung der Gruppe an den Tag. Wohin geht die Reise?
Als große Treiber unserer Entwicklung geben sich die Kreation und Pflege von starken, populären Inhalten und ihre crossmediale Vermarktung die Hand – *innerhalb der Mediengruppe RTL, aber auch mehr denn je im Verbund unserer starken Allianzen: Schon 2016 sind wir eine Vermarktungsallianz mit unseren Schwestern und Cousins innerhalb von Bertelsmann eingegangen, aber auch mit Dritten, wie zuletzt den Verlagen Springer und Funke, die mit ihrem Digital-Portfolio dazugestoßen sind. Mit den Angeboten der Ad Alliance erreichen wir inzwischen 99 Prozent der deutschen Bevölkerung. Der naheliegende Folgegedanke war: Wenn wir gemeinsam erfolgreich vermarkten, dann können wir auch gemeinsam Themen noch größer denken und inszenieren, über alle Gattungen hinweg. Daraus resultierte die Bertelsmann Content Alliance, die zu Jahresbeginn gegründet wurde – und in der sich die Mediengruppe RTL, der Verlag Gruner & Jahr, aber auch BMG und Random House, der weltgrößte Buchverlag, die UFA und unser Radiogeschäft verbündet haben. Hier ist etwas Einzigartiges entstanden, im Dienste der Ad Alliance und als riesen Statement in Richtung Kreativmarkt, dessen erste Adresse wir sein wollen. In dieses Zusammenspiel bringen wir uns mit viel Begeisterung und großem Enthusiasmus ein.
Inwieweit ist hier auch die Technologie ein Thema?
Technologie und Daten sind neben Inhalten und ihrer Vermarktung das dritte zentrale Thema für uns. Wir haben kürzlich die Verantwortung für Smartclip übernommen, die Werbetechnologieplattform, die wir jetzt für die RTL Group europaweit von Köln aus denken. Unser Ziel ist es, eine *offene europäische Werbetechnologie-Plattform zu bauen, die individuelle Lösungen für Broadcaster und Streaminganbieter liefert. Zuvor haben wir mit d-force ein Joint Venture mit ProSiebenSat.1 gegründet, eine gemeinsam gesteuerte Demand-Side-Platform, die der Werbemarkt schon jetzt stark goutiert. Im Bereich der Inhalte und ihrer Vermarktung sind wir bereits Experten. Bei Technologie und Daten lernen wir schnell dazu – und haben uns erst vor einigen Tagen mit Karin Immenroth verstärkt, einer ausgewiesenen Expertin ihres Fachs, die von der GroupM als neuer Chief Data & Analytics Officer zu uns kommt.
Wie gehen Sie im linearen TV vor – werden Senderprofile geschärft?
Unsere neuen Senderchefs von n-tv, RTL und Vox – Tanit Koch, Jörg Graf und Sascha Schwingel – haben sich genau das vorgenommen: die Profile ihrer Sendermarken zu schärfen und sie weiterzuentwickeln. Dabei werden sie den Schwung des laufenden Jahres nutzen, in dem bislang all unsere Angebote, trotz fortschreitender Fragmentierung des Marktes, wachsen: RTL wächst dabei sogar erstmals wieder seit 2011 – und hat mit verschiedenen Live-Programmierungen einen Vorgeschmack darauf gegeben, wie probier- und entscheidungsfreudig wir unterwegs sind.
Bei Vox gibt‘s das ehrgeizige Ziel, Sat.1 zu überholen.
Vox hat ProSieben bei den Gesamtzuschauern schon längst überholt. Und ja, wir haben durchaus ambitionierte Ziele. Warum also nicht auch Sat.1 überholen? Viel fehlt nicht mehr.
Inwieweit hilft Ihnen bei der Neuaufstellung Ihre Vergangenheit als Programm-Macher?
Nach der Neuaufstellung ist tatsächlich das Team der Star. So wunderbar heterogen, reich an Erfahrung, mit Blick von innen und außen – und vor allem mit ganz viel Lust darauf, gemeinsam anzugreifen und zu gewinnen. Wenn unser Inhalte-Chef Stephan Schäfer und ich dann noch dabei helfen können, die Kreativen da draußen davon zu überzeugen, dass ihre guten Ideen bei uns wirklich am besten aufgehoben sind und dass wir ihr wichtigster Partner sein wollen, dann ist viel erreicht.
Der aktuelle Programmtrend heißt „Guilty Pleasure“. Planen Sie Neues?
Freut uns sehr, wenn Sie es so wahrnehmen. Wir spüren diesen Trend tatsächlich im linearen Fernsehen und auch im SVoD, zum Beispiel immer wieder mit „Ich bin ein Star“, aber natürlich auch mit dem „Sommerhaus der Stars“, „Temptation Island“ oder „Paradise Hotel“. RTL, TV Now und natürlich auch unsere Kollegen von RTL II laden das Genre immer wieder mit frischen Ideen und Konzepten auf. Jenseits dessen werden wir nie nur an der Weiterentwicklung von einem Genre arbeiten, sondern immer auf die große Bandbreite und Vielfalt setzen.
Das lineare TV wird flexibler, sie brechen öfter mit Sondersendungen aus dem Schema aus.
Wir haben den Anspruch, dichter dran zu sein an den Themen unseres Publikums. Und das bedeutet, dass wir berichten und einordnen, wenn Wichtiges passiert. Das ist die Erwartung unserer Zuschauer, aber auch unser Selbstverständnis – und zudem eine unserer Paradedisziplinen: Live-Fernsehen. Wenn der große Niki Lauda stirbt, dann müssen wir, bei aller Tragik, unser Programm danach ausrichten, denn er gehörte als Formel-1-Idol und -Experte auch zu uns. Oder wenn wir beim Brand von Notre-Dame mit die ersten sind, die hier berichten, dann zeigt das, dass wir keinen Bildungsauftrag brauchen, um guten Journalismus zu liefern.
Finale Frage – weil immer auch an Ihre Vorgänger gestellt: Wird das Österreich-Programm nach dem „Krone-Talk“ auf n-tv ausgebaut?
Das Thema betrachten wir neu. Wir haben auf das von Ihnen genannte Programm viel positive Resonanz bekommen. Wie wir diese Vorlage nun nutzen, werden wir mit IP Österreich und Walter Zinggl besprechen. Dabei ist nichts ausgeschlossen – auch neue Formate nicht.




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