Der Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg und Mediareports haben im Auftrag der Österreichischen Rundfunksender (ORS) die Entwicklung des Bewegtbildkonsums bis 2030 untersucht. Fazit: On-demand löst das klassische Fernsehen noch lange nicht ab. Im Detail prognostiziert Studienautor Univ.-Prof. Dr. Josef Trappel folgende Entwicklungen bis 2030:

- Die Bewegtbildnutzung steigt insgesamt pro Person auf 262 Minuten täglich.
- Treiber dabei ist der Anstieg der nonlinearen Nutzung in allen Altersgruppen.
- Die lineare Nutzung (inklusive Livestreaming) bleibt bei Älteren (60+) stabil, sinkt aber in allen anderen Altersgruppen.
- Der internationale Vergleich zeigt, dass sich der Wandel von linear zu nonlinear in Österreich langsamer vollzieht als in anderen Märkten. Ein disruptiver Wandel durch die Digitalisierung wird daher nicht eintreten.

Welche Entwicklung ist nun für das Fernsehen tatsächlich zu erwarten? „Die Nutzungszahlen weisen zwar in vielen Ländern einen stetig rückläufigen Trend auf, von einem Verschwinden des klassischen Fernsehens kann aber keine Rede sein“, führt Josef Trappel aus. Eine Analyse dieser Nutzungsverläufe und eine Prognose auf der Basis zahlreicher Einflussfaktoren, die das kommunikationswissenschaftliche Institut der Universität Salzburg zusammen mit Mediareports erarbeitet hat, ergibt ein differenziertes Bild:

Werden alle Formen von Bewegtbild zusammen betrachtet, also klassisches „lineares“ Fernsehen mit vorprogrammierter Sendungsstruktur sowie Abruffernsehen (on-demand, streaming) und Onlinedienste wie YouTube, dann wird ein stetiger Anstieg an Nutzungszeit erkennbar. Allein zwischen 2016 und 2019 hat die Nutzung pro Person und Tag von 213 auf 242 Minuten zugenommen. Ein Anstieg um 29 Minuten.

Diese Nutzungsdauer ist je nach Altersgruppe unterschiedlich. Bei Menschen über 60 ist das Wachstum ungebrochen. Mehr als fünf Stunden verbringen sie jeden Tag mit dem Konsum von Bewegtbildern. Auch die Gruppe der 30- bis 59-jährigen verbringt damit jedes Jahr mehr Zeit. Lediglich die Jüngeren, also die Gruppe der 12- bis 29-jährigen verbringt weniger Zeit damit, aktuell etwa drei Stunden täglich.

80 Prozent dieser Zeit entfallen aktuell auf das klassische lineare Fernsehen. Der Anteil an zeitversetztem und on-demand Bewegtbild nimmt aber zu. Ein Blick auf die Altersdifferenzierung beim linearen Fernsehen ergibt laut Studie folgendes Bild:

Die Nutzungszeit für das lineare Fernsehen hat in den vergangenen zehn Jahren um mehr als eine halbe Stunde auf 189 Minuten pro Tag zugenommen, ein Wachstum um mehr als eine halbe Stunde. Allerdings zeigen sich auch hier signifikante Unterschiede ja nach Altersgruppe. Die Älteren nutzen das lineare Fernsehen deutlich häufiger und länger als die Jüngeren. Besonders stark war der Rückgang bei den 12- bis 19-jährigen, die 2018 deutlich mehr Zeit mit on-demand als mit linearem Fernsehen verbracht haben. Hier hat sich die Konkurrenz der Streaming-Dienste schon bemerkbar gemacht.

Die Prognose bis 2030 zeigt eine Scherenbewegung. Während die Nutzungszeit pro Person für Bewegtbild insgesamt weiter ansteigt (auf 262 Minuten), nimmt die Nutzungszeit für lineares Fernsehen um 18 Minuten pro Tag ab (auf 176 Minuten). „Bis 2030 ist das kein disruptiver Wandel“, lässt Prof. Trappel keinen Zweifel an der weiterhin hohen Bedeutung der linearen TV-Nutzung.

Allerdings zeigt die Projektion, dass 2030 die Jungen unter 29 Jahren nur mehr deutlich weniger als eine Stunde mit linearem Fernsehen verbringen werden. Wächst diese Generation in die nächste Alterskohorte, wird ihr Konsum von linearem Fernsehen zwar etwas zunehmen, aber nicht mehr das Nutzungsniveau der aktuell 30- bis 59-jährigen erreichen.

Der internationale Vergleich zeigt, dass sich der Wandel der Fernsehnutzung von linearem Angebot zu on-demand Diensten in Österreich langsamer vollzieht als in anderen Ländern. Dies bestätigt Befunde aus der Nutzungsforschung, wonach Zeitungen in Österreich eine wichtigere Nachrichtenquelle darstellen als in anderen Ländern.

„Ich finde es erfreulich, dass durch diese Studie mehr Sachlichkeit durch wissenschaftlich fundierte Zahlen in die Debatte um die Entwicklung des linearen Fernsehkonsums einzieht. Trotz aller Veränderungen des Bewegtbildkonsums und der Mediennutzung insgesamt wird realistisch betrachtet die Nutzung von linearem Fernsehen weiterhin höchst marktwirksam bleiben“, kommentiert ORS-Geschäftsführer und Studieninitiator Michael Wagenhofer die Ergebnisse.