Wie bewältigt der bald 60 Jahre alte ORF den Medienwandel und dessen disruptive Folgen? Wohin muss sich ein öffentlich-rechtliches Rundfunkunternehmen, das stark an die lineare Ausstrahlung seiner Programme gebunden ist, im Zeitalter von Digitalisierung und Streaming entwickeln? Antworten darauf soll die von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz bis Ende des Jahres zu entwickelnde "ORF-Strategie 2025" geben.

Gemeinsam mit einer Gruppe von Stiftungsräten, in der etwa der Sprecher der ÖVP-nahen Fraktion, Thomas Zach, und Grünen-Rat Lothar Lockl vertreten sind, wurden in vier Klausurterminen (die jüngste diesen Montag) Leitlinien für den "ORF 2025" erarbeitet.

Public-Service-Plattform
Der zentrale Ansatz des Generaldirektors: Der ORF müsse sich von einem Public-Service-Broadcaster zu einer Public-Service-Plattform entwickeln – es stünde ein alle Bereiche umfassender Wandel an. Die Zukunft liege im Streaming- und On-Demand-Bereich eher als im klassischen. Dreh- und Angelpunkt zur Umsetzung der Strategie: der neue ORF-Player, der alle Angebote des Unternehmens auf einer Plattform versammeln soll.

Die Streaming-Plattform – geleitet von ORF-Chefproducer Roland Weißmann – soll unterschiedlichste Channels von News über Kultur, Wissenschaft und Religion bis zu Themenkanälen für Kids und Sport unter einem Dach vereinen. Dazu kommen ein digitaler Programm-Guide und Social-Media-Applikationen. Start der ersten Teilbereiche: wohl noch in diesem Jahr. Bemerkenswert: Wrabetz spricht auch von einer Hybridstrategie, nach der klassische TV-Angebote wie Sport plus sich nach und nach in den digitalen Bereich verlagern und deren lineare Ausstrahlung auf Dauer in Frage gestellt sei. Für ORF eins, das sein Publikum stark in der digitalaffinen Zielgruppe findet, wird selbiges ausgeschlossen.

Radios und Human Resources

Die ORF-Radiokanäle sieht Wrabetz – dort, wo es aufgrund der Programmstruktur naheliegt, also bei Sendern wie Ö1 und FM4 – näher an der Pod-cast-Welt. Der Übergang zwischen analogem und digital ausgespieltem Programm via Player soll hier fließend erfolgen. Ö3 und die regionalen Radios der Landesstudios seien dagegen eher auf "Flow", also lineare Ausstrahlung ausgerichtet.

Dritter Eckpunkt der Strategie "ORF 2025": der Bereich Human Resources, wo der ORF mit der Situation konfrontiert ist, dass in den kommenden Jahren rund ein Viertel der 3.200 Beschäftigten in Pension geht. Junge Mitarbeiter aus der Generation der Digital Natives sind dagegen Mangelware. Laut Standard sind heute nur 100 Mitarbeiter des ORF unter 30 Jahre alt. Gezielte Personalentwicklung gerade für digitale Projekte sei demnach ein wichtiger Aspekt. Begleitend hat der ORF dieser Tage seine 5G-Strategie verabschiedet, die in der Produktion künftig zehn bis 15 Millionen Euro einsparen soll.

Rechtlicher Rahmen fehlt (noch)

Als Vorbedingung zur Umsetzung der ORF-Gesamtstrategie müssen sich jedoch die gesetzlichen Rahmenbedingungen ändern. Eine Novelle zum ORF-Gesetz ist Teil des Regierungsübereinkommens und steht in Verhandlung. Das sogenannte Digitalpaket soll dabei in einem ersten Schritt Erleichterungen für die Contentproduktion bringen (Stichwort "Online first" und "Online only"). Ob Alexander Wrabetz seine "Strategie 2025" in einer vierten Amtszeit persönlich umsetzen kann, wird sich weisen. Amtiert er bis Ende 2026, hätte er den ORF während eines Drittels seines Bestehens geprägt.